…denn einseitig unsere Sicht auf die Dinge müssen wir hier nicht verbreiten. Daher freut es mich auch, dass sich Martin Fust vom Musikgroßhandel MFP bei uns gemeldet hat und wir einen interessanten Mailwechsel sowie ein ebensolches Telefonat führen konnten. Ersteren dürfen wir mit freundlicher Genehmigung hier veröffentlichen.

Es gibt auch eine andere Sicht der Dinge, nämlich die von denen, die mit Musik Geld verdienen.
ITunes: Apple sagt selber, daß sie Downloads nur anbieten, um ihre Hardware (iPod) zu verkaufen. Bei dem Preis, den Apple für Downloads nimmt, verdient niemand mehr Geld.

Über Apple läßt sich in der Tat trefflich streiten. Ich denke, man tut ihnen gelegentlich etwas unrecht, Apple wäre die Shopgeschichte DRM-frei sicher lieber gewesen, und angesichts des leichten Umgehens kommt mir das ohnehin wie eine Alibiveranstaltung vor. Was dabei rumkommt – ich las auch schon die Statements von Künstlern und Indies, die die Ausschüttung Apples als vorbildlich empfanden, 70 Cent sinds, soweit ich weiss.
Generell sehe ich den Online-Musikverkauf aber auch nicht als den neuen Knüller, mit dem absinkende CD-Absätze komplett aufgefangen werden könnten, das möglicherweise aber aus anderen Gründen als Sie. Das Potential von Musik aus dem Netz sehe ich eher als Werbeplattform – für Tonträger, für andere Produkte, und wie am Telefon gesagt – einer Industrie, die das Produkt „Klingelton“ als Umsatzträger an den Markt bringen konnte, traue ich eigentlich auch zu, andere Absatzmärkte zu erschließen – die mit freier oder günstiger Musik im Netz populär gemacht werden.

Preise für Downloads: Auch bei dem legalen deutschen Anbieter Musicload verdient außer der Telekom (20 % vom Preis für Leitungskosten) niemand wirklich. Wenn wir als klassischer Großhandel 20% an CD’s verdienen dürften, wären wir jetzt steinreich. Die GEMA bekommt einiges, nicht zu vergessen die Künstler. Die Plattenfirmen verteidigen zwar diese Niedrigpreisstrategie, können bislang jedoch auch nicht nachweisen, wie daran verdient werden soll. Durch hohe Einstiegskosten ins Downloadgeschäft wird zudem sehr effektiv Konkurrenz verhindert, die ja bekanntermaßen das Geschäft belebt. Abgesehen davon kann man die Musicload-Dateien ausreichend legal auf CD brennen.

„Ausreichend legal“ ist hübsch formuliert :o) Dass bei den Musicloadpreisen niemand verdient, glaube ich schlicht nicht, weil sie sich komplett im Bereich der CD-Preise bewegen.
Aber was das angeht, fand ich einerseits die c’t-Kalkulation zum 50-Cent-Musikdownload recht spannend. Auf der anderen Seite seh ich da schon die Analogie zum Leitungswasser, was die Musik aus dem Netz angeht. Die wirds immer geben, zu niedrigen oder wahlweise ohne Kosten.
Wie gesagt, ich seh die Onlinemusik daher auch als Möglichkeit, andere Einnahmequellen für dort populäre Musik zu erschließen – auch den CD-Markt. Und das dringt ja extrem langsam durch. Gestern musste ich sehr lachen, als ich bei Reuters las, dass Dylan über iTunes-Songs Tourtickets bewarb. Ich meine, Reuters. Einer der größten Nachrichtenagenturen ist es eine Meldung wert, dass ein Künstler seine Tour mit Songs im iTunes-Shop bewirbt. Ist das eine so revolutionär neue Idee?

DRM: Leider gibt es auf der Welt Leute, die der Meinung sind, sie müßten die Musik, die sie besitzen im Internet weiterreichen. Man kann verstehen, daß die Inhaber der Rechte das nicht gut finden. Ein Auto kann man ja auch abschließen, damit es nicht geklaut wird.

An dem Punkt kommen wir vermutlich nicht zusammen. DRM ist vollkommen witzlos, schlicht, weil es beliebig umgangen werden kann, spätestens am Lineout des Players. Was im Netz ist, ist DRM-frei im Netz und damit ein besseres Produkt als der kostenpflichtige Download. Kein DRM der Welt hat bislang auch nur ein Tauschbörsenrelease verhindert, und ich bin der festen Überzeugung, dass das Beharren auf DRM einzig auf Entscheidungsträger zurückzuführen sind, die technisch schlicht inkompetent sind und diese Tatsache einfach nicht begreifen. Das meine ich nicht einmal böse, man kann nicht von allen Leuten Expertise in allen Bereichen erwarten, und dass da ein „Aber wir brauchen doch einen Kopierschutz, sonst kopieren das doch alle, und sowas gibts doch auch, dann setzen wir das auch ein“ – Gedankengang einleuchtend scheint, nun ja.
Wobei da ja auch ein Umdenken einsetzt, Ed Felten schreibt heute, dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass DRM keinen Onlinetausch verhindert, und nun vermehrt das Argument angeführt wird, die Anreize zur Entwicklung neuer Plattformen seien mit DRM höher. Das ist ähnlich kurzsichtig und kundenfeindlich wie die Argumentation davor, weil das in letzter Konsequenz bloss wieder zum Kompatibilitäts- und Formatwirrwar führt, und dass das kein Kunde will, ist hinreichend bekannt.

Kopierschutz auf CD’s: Macht außer EMI fast niemand mehr. Irgendwann geben die es auch auf. Abgesehen davon kann man diese CD’s auf de-facto jedem CD Player abspielen und ggf. analog kopieren. Es war niemals vorgesehen, daß CD’s auch auf Computern abspielbar sein müssen.

Mich würds freuen, wenn das in der Tat eingeht, nach dem Sony-Rootkitdesaster und den folgenden Statements von Sony BMG bleib ich da aber mal skeptisch und warte ab.
Abspielbar sollten CDs eigentlich auf Geräten sein, die den CD-Standard beherrschen. CD-Laufwerke in Rechnern können den, nur die CDs nicht mehr. Das scheint mir vom falschen Ende her aufgezäumt. Und das Argument, man könne ja trotzdem kopieren… wenn mans denn eh kann, warum dann den Unsinn?

Recht auf private Kopie: Zu seligen LP-Zeiten hat sich auch niemand darüber beschwert, daß LP’s nur mit erheblichem Qualitätsverlust auf Kassetten kopiert werden konnten. Wenn die LP dann irgendwann im Eimer war, haben sich die Leute eine neue gekauft. So gesehen hatte man auch damals schon nur ein begrentes Nutzungsrecht. Heute wollen die Leute von einem Original beliebig viele qualitätsmäßig identische Kopien haben. Leider verkaufen viele Leute diese Kopien dann an ihre Freunde. Schön ist das nicht. Glücklicherweise kann man CD’s überall mit hinnehmen, so gesehen ist das Recht auf private Kopie eigentlich überflüssig.

Da muss ich an die Beschwörungsformeln denken, man wolle ja keinesfalls den technischen Fortschritt bremsen oder sich ihm verweigern. Früher musste man mit einer zerkratzten LP leben oder sie neu kaufen, heute sind wir, dem Fortschritt seis gedankt, in der Lage, Musik in einer nun wirklich haltbaren Form zu verkaufen. Anstelle dass man sich freut, ein besseres Produkt anbieten zu können, bricht man darüber in Tränen aus, und das ist nun eine Haltung, die mehr als schwer zu vermiutteln ist. Wir reden hier ja nicht über die Autoindustrie, die sich angesichtzs eines Autos, das nie mehr kaputtgeht, Sorgen um künftige Verkäufe machen muss. Musik gibts ja täglich neue, und nur, weil die eine CD noch nicht verkratzt ist, die man vor drei Jahren kaufte, verzichtet man doch nicht auf ein anderes Album?
Die Industrie hatte da natürlich zweimal goldene Zeiten – einmal konnte sie ihren Backkatalog nach Einführung der CD nochmal verkaufen, und dann nach der Wiedervereinigung den Osten mit Musik versorgen. Einer kreativen Branche steht es aber extrem schlecht zu Gesicht, wenn sie unverblümt fordert, dasselbe Produkt wieder und wieder verkaufen zu wollen, nur auf unterschiedlichen Tonträgern.
Und ernsthaft: ging es den Labels zu LP-Zeiten nur deshalb gut, weil die Audiofanatiker sich die „Dark Side of the Moon“ im Jahrestakt nachkauften, weil die letzte Platte nen Kratzer in „Eclipse“ hatte? Freut sich nicht jeder, der sowas bisher praktizierte, dass er stattdessen nun was aktuelles kaufen kann?

CD-Preise: Hier haben Sie ausnahmsweise einmal Recht, die Preise sind zu hoch. Leider sind der deutschen Industrie die Hände gebunden, da die deutschen Niederlassungen relativ unselbständige Filialen von internationalen Konzernen sind. Selbst die Musiksparte von dem urdeutschen Konzern Bertelsmann (SonyBmg) wir schon seit vielen Jahren von New York aus geleitet. Hinzu kommen die irren Honorarvorstellungen von vielen Künstlern, die leider von der Industrie immer noch bezahlt werden.
Mein Lösungsvorschlag für die gesamte Problematik: CD-Preise runter, totaler Verzicht der Musikindustrie auf das Anbieten legaler Downloads und konsequente Strafverfolgung aller dann illegalen Angebote im Internet. Wer weiterhin meint, für Musik nicht bezahlen zu wollen, der kann ja das Risiko eingehen und auch weiterhin die illegalen Möglichkeiten nutzen.

Da musste ich grinsen. Ein konsequenter Standpunkt für einen CD-Großhandel. Aber ernsthaft, ich zweifle massiv an dem „Kaufhemmnis“ Onlinemusik. Im Gegenteil denke ich, befördert das Netz in einem riesigen Ausmaß Fankultur – was viele Künstler ja auch für sich entdecken, was man an den ganzen Radios und Musikblogs sieht, beliebig fortzusetzen. Gerade weil man die Möglichkeit hat, in alles und jedes reinzuhören, kaufen die Leute vermehrt die Sachen, von denen sie dann überzeugt sind, ob nun online oder auf CD. An sich haben die Labels das Prinzip ja auch verstanden, anders ists ja auch nicht zu erklären, dass gerade die Permanentberieselung mit Charthits als Absatzgenerator gilt.

Sie werden jetzt zwar sagen, dies sei ein Rückschritt. Aber manchmal muß man eben umkehren, wenn man feststellt, daß der eingeschlagene Weg falsch ist.

Ich halte diese Umkehr für faktisch unmöglich. Wie nebenan in dem „Ihr werdet verlieren“ – Text geschildert, es geht ja auch nicht nur ums Netz. Ich hab meine CD-Bibliothek einmal im Regal stehen und ein andermal auf einer halben Festplatte, und das dürfte ne größere Bibliothek als die des Großteils der deutschen Wohnbevölkerung sein. Ich kann die heute schon auf ne 80-Euro-USB-Platte werfen und nach Belieben bei Freunden vorbeitragen, wenn mir der Sinn danach stünde. In drei Jahren wird das mit dem Handy gehen. Über Darknets, VPNs und ähnliche schöne Dinge mehr will ich gar nicht zu reden anfangen, dieser Zug ist schlicht abgefahren. Wir hattens ja am Telefon davon, Sie meinten, da traut sich gerade natürlich niemand bei den Majors, diesen Sprung ins kalte Wasser zu tun, diesen Kampf für verloren zu betrachten und die Konsequenzen zu ziehen. Meine These ist eben, dass sie schon längst im Wasser liegen und allmählich mit dem Schwimmen anfangen sollten, anstelle zu behaupten, sie stünden nach wie vor im Trockenen.
Was bei der ganzen Diskuission darüberhinaus noch viel zu kurz kam: ich hab die Möglichkeiten zum Kopieren ja nur mal kurz angerissen, das ist ja alles keine Geheimwissenschaft. Wenn das wirklich nachhaltig unterbunden werden soll, müsste man eine Überwachungs- und Kontroll-Infrastruktur schaffen, die Orwell alt aussehen lassen würde. Das alles aus Motiven, an deren Realitätsbezug es mehr als begründete Zweifel gibt. Wenn ich mir die technisch notwendige Infrastruktur vorstelle, die wirklich vom Schulhoftausch über die P2P-Netze bis hin zum VPN den Tausch nachhaltig unterbinden kann, dann graut es mir. Wenn der Weg aber dahin gehen soll, dann ist es in meinen Augen keine Sache der Kundenfreundlichkeit mehr, was dagegen zu unternehmen, dann steht geringfügig mehr auf dem Spiel.

Hallo Herr Joos,

natürlich könnte auch ich mir die Mühe machen, und die meisten Ihrer Argumente zerpflücken worauf Sie ihrerseits natürlich wieder antworten würden. Ich denke, das mach aber keinen Sinn. Die besseren Argumente hat praktisch immer der, der zuletzt Antwortet. Mit Ihrem Argument, daß man den Fortschritt sowieso nicht aufhalten können und es irgendwann sowieso so kommt wie Sie vermuten, haben Sie natürlich recht. Mit diesem Argument ist die ganze Diskussion über dieses Thema eigentlich überflüssig. Auch ich glaube nicht daran, daß der Industrie es gelingt, die Musikrechte so zu schützen, wie sie sich das vorstellt, denn dazu fehlen die gesetzlichen Grundlagen. Vergleichen Sie es mal mit einer Zeitung: Für den Inhalt wird ggf. der Redakteur/Verlag verantwortlich gemacht. Für den z.T. illegalen Inhalt des Internets (z.B. raubkopierte Musik) kann niemand verantwortlich gemacht werden, jedenfalls nicht, wenn der Verbreiter in Russland oder China sitzt. Solange nicht die Provider für illegale Inhalte in die Haftung genommen werden können, wird hier in der Tat nichts passieren.

Sie können meine Argumente gern auf Ihrer Seite veröffentlichen, auch mir geht es im Endeffekt darum, daß hier eine Diskussion auch mit den Rechteinhabern zustande kommt. Ich habe jedoch noch eine Ergänzung, da ich hier offenbar ein wenig mißverstanden wurde:

Preise für Downloads: Aktuelle Longplays aus den Charts kosten bei Musicload im Augenblick 8,95 Euro. Derselbe Longplay sollte im Fachhandel bei vernünftiger Kalkulation zwischen 16-19 Euro kosten, somit gibt es den Download für die Hälfte. Leider wird diese Ware seit vielen Jahren von den Flächenmärkten als Quotenbringer verramscht und z.T. unter Einstandspreis verkauft. So entsteht beim Verbraucher (und wohl auch bei Ihnen) natürlich das Gefühl, der Download sei nicht viel billiger als die CD. Wenn Musicload Longplays unter Einstandspreis verkaufen würde, dann würden diese vermutlich um die 5 Euro kosten, aber soweit ist man dort offenbar noch nicht. Bei Singletracks ist die Situation in der Tat anders: Würde man sich den kompletten Inhalt einer Maxi-Cd (i.d.R. 3-4 Tracks), so käme man auf ähnliche Kosten wie beim physikalischen Tonträger. Aber auch dafür gibt es einen Grund: Die Maxi-CD ist für die Industrie und auch für den Handel praktisch ein Promotion-Artikel. Industrie und Handel haben bei dieser Warengruppe eine deutlich geringere Handelsspanne als bei Longplays. Bei normaler Kalkulation wären diese viel teurer.

Da könnte man in der Tat wieder antworten, aber das würde in der Tat ausufernd. Nochmals vielen Dank.